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Städte erkunden

Die urbane Fahrrad-Renaissance


Fahrräder sind seit langem Teil des Stadtbildes. Als gesundes, erschwingliches und emissionsfreies Verkehrsmittel hat das Fahrrad in den letzten 50 Jahren einen ziemlichen Aufschwung erlebt. Und in der aktuellen Krise beobachten wir die nächste Welle der Pedalrevolution, während wir alle danach streben, das Abstandsgebot zu befolgen.

Als in meiner Heimatstadt München am 16. März der Lockdown begann, wurde mir klar, was für ein Schatz der kleinste private Außenbereich ist. Mein 0,75 Quadratmeter großer Südbalkon – groß genug, um eine Topfpflanze und einen Klappstuhl zu beherbergen – wurde zu meiner Rettung. Von dort draußen sah ich zu, wie das Leben in der Stadt zum Stillstand kam. Die geschäftige, innerstädtische Verbindung zum Englischen Garten und den berühmten Biergärten wurde sehr ruhig.

Nach dem Zeitraum einer gefühlten Ewigkeit, der wahrscheinlich höchstens ein paar Tage dauerte, war ich sehr erleichtert, dass die Straße wieder zum Leben erwachte. Aber anders. Die einst überfüllten Busse, die in größeren Abständen vorbeifuhren, beförderten nun höchstens eine Handvoll Fahrgäste. Wo gestresste Autofahrer zuvor an einem der wenigen Münchner Kreisverkehre ihrer Verärgerung über die unbekannten Verkehrsregeln hupend Ausdruck verliehen, übernahmen nun Fußgänger und Radfahrer das Kommando.

Zweifellos ein glückliches Nebenprodukt der Lockdown Vorschriften, die immer die Bewegung im Freien erlaubten. Radfahren ist eine großartige Wahl, da es sich nachweislich positiv auf die kardiovaskuläre Fitness auswirkt und das Risiko der Entwicklung von Diabetes senkt – beides Risikofaktoren für Lungenerkrankungen. Aber nicht nur Radsportler waren zu sehen. Mein Balkon erzählt Geschichten von Fahrrädern, die für den Arbeitsweg und auch zur dringend benötigten Erholung genutzt werden – ein Beweis dafür, dass die Renaissance an Fahrt gewinnt.

Fahrradfreundliche Städte

Obwohl München in vergangenen Jahren führende Positionen innehatte, fiel es 2019 aus den Top 20 des Copenhagenize-Index. Der Index bewertet Städte danach, wie viel sie für das Leben auf zwei Rädern tun, so dass sich die üblichen Verdächtigen dänischer und niederländischer Städte ganz oben auf der Liste finden. Neulinge wie Bremen, Bogota und Taipeh erkennen Potenzial darin, fahrradfreundlich zu sein, während sie gleichzeitig die Möglichkeiten aufzeigen, die öffentlichen Verkehrssysteme von zusätzlichen Nutzern zu entlasten.

Was wir jetzt erleben, ist nichts weniger als eine Neuorganisation des öffentlichen Raums. Politische Entscheidungsträger in München und auf der ganzen Welt ergreifen Maßnahmen, um sicherzustellen, dass sich mehr Fußgänger und Radfahrer in sicherer Entfernung voneinander bewegen können. Einer der ersten war Bogota, das die Fahrspuren seiner normalerweise überfüllten Stadtautobahnen sperrte, um Pop-up-Radwege zu schaffen. In New York können Fußgänger und Radfahrer nun exklusiv 40 Meilen umgewidmeter Straßen nutzen, die im Rahmen des Open-Street-Programms des Verkehrsministeriums eröffnet wurden.  Großbritannien kündigte ein 2 Milliarden Pfund schweres Investitionspaket an, um eine neue Ära des Radfahrens und Zufußgehens zu befördern.


Wenn es je einen guten Zeitpunkt gab, um aufs Rad zu steigen, dann ist es jetzt. Sie werden dazu beitragen, den öffentlichen Verkehr zu entlasten. Sie werden auf Ihre Gesundheit achten. Sie werden sich um die Gesundheit anderer kümmern und Sie werden der Umwelt helfen.


Sir Dave Brailsford, Team Principal of Team INEOS, www.gov.uk

Eine nachhaltige Bewegung?

Ich sehe zwei wesentliche bestimmende Faktoren für die weitere Entwicklung dieser Szenarien. In erster Linie die Frage, wie viele der gegenwärtigen radikalen Krisenmaßnahmen – die meist als vorübergehend bezeichnet werden – zu einer festen Einrichtung werden. Könnte das Vorübergehende nicht zur neuen Normalität werden? Es wäre nicht das erste Mal innerhalb des städtischen Mobilitätssystems. Und zweitens gibt es verschiedene digitale Technologien, die Städten helfen könnten, das Radverkehrssystem dauerhaft zu unterstützen. Seien es Mechanismen zur Priorisierung von Radfahrern, die in bestehende Verkehrsmanagementkonzepte integriert werden können; Lösungen zur gemeinsamen Nutzung von Leih-Fahrrädern und eBikes können eingeführt und gefördert werden; oder das Pendeln erleichtert, indem multimodale und intermodale Reiseplanung in Echtzeit verfügbar gemacht wird.

Vorerst freue ich mich aber darauf, die neuen Möglichkeiten jenseits meines Balkons zu nutzen. Der Stadtrat hier in München hat dafür gestimmt, die Fahrspuren von fünf Hauptverkehrsadern in Pop-up-Radwege umzuwandeln. Schnappt Euch den Fahrradhelm, der Wandel hält Einzug ins Autoland!

Von Christine Weiss

Christine ist ausgebildete Architektin und im Herzen Urbanistin. Mit einem Hintergrund in Technologiemarketing und Kommunikation ist sie fasziniert von den Chancen, die Veränderungen bieten und arbeitet bei Siemens an Themen rund um #SmartCities.

@ FrauWeiss75

Themen

bike sharing / Fahrrad / grüne Städte / Intelligente Infrastruktur / Nachhaltigkeit

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